Das Haus am Fluss in der alten Heimat

An manchen Tagen bin ich gerne alleine mit mir selbst, ohne meine Verwandten oder Freunde und trödele vor mich hin. Manchmal mache ich Yogaübungen, praktiziere gerne die Atemübungen und schreibe. Mein Haus liegt am Karamana Fluss in der Stadt Thiruvananthapuram an der südlichen Westküste Indiens. Es ist ein kleines Haus mit drei Zimmern, aber ruhig gelegen. Es ist nur mit den notwendigsten Möbeln, wie Bett, Tisch, Stühle, Regal, Schrank, einer kleinen Küche mit Induktionsherd und einem kleinen Kühlschrank ausgestattet. Ich finde, es reicht aus für ein Urlaubsleben in meinem Refugium. Bewusst habe ich diesen Ort ausgesucht, fern von meiner lieben Verwandtschaft, die mich gerne besuchen würde, damit ich während meines Urlaubes aus Deutschland nicht alleine wohne. Ich mag meine Verwandten aber zu viel Nähe beengt mich. Vielleicht bin ich in den vier Jahrzehnten in Europa anders geworden, viel zu Deutsch vielleicht. Zumindest behaupten dies meine Verwandten.

>>Periyappa (Onkel) { பெரியப்பா }, Ihr seht wie wir aus, aber Euer Benehmen ist wie das eines Foreigners (europäischer Ausländer) << kommentierte einmal meine freche Nichte. Sudha ist die Tochter meines Cousins zweiten Grades, sie ist ein verwöhntes Fräulein im Teenageralter und sagt das, was sie denkt, aber ich mag sie. Ich erzählte ihr, dass ich ein Flüchtling aus Deutschland bin, geflüchtet vor der Kälte. ‚APPA‘ { அப்பா } bedeutet auf Tamil, Vater. ‚PERIYA‘ { பெரிய } bedeutet Großer oder Älterer. Als älterer Cousin ihres Vaters habe ich Rechte und Pflichten. Ich darf Sudha zurechtweisen, wenn sie nicht artig ist, habe die Pflicht, sie zu beschützen und bin für sie da, wenn sie mich als Vater braucht. >>Stell dir vor, da liegt überall auf der Straße Schnee und Eis, weiß und matschig, furchtbar kalt und ungemütlich.<< Daraufhin meinte sie, dass sie sich in Europa sehr wohl fühlen würde. Das Eis wäre ja sogar kostenlos und sie würde sich nur von Eis ernähren! Die Menschen hier können es sich einfach nicht vorstellen, wie es bei uns in Deutschland ist. Wenn die Verwandten kommen, manchmal in Scharen, dann muss ich über das Leben in Europa, über die ‚White People‘ und deren Feste und Bräuche erzählen. Ich bin froh, wenn sie kommen, aber auch, wenn sie gehen 😉 Kumar ist der erste Sohn meiner Nichte Kala. Sie wohnen am Rand einer Stadt, am Fuße der Western Ghats, einer Bergkette voller Kräuter für die Heilmedizin. Als kleiner Junge wollte Kumar von mir Spielzeugautos geschenkt haben, heute hat er seinen Führerschein und möchte nach Deutschland, um mit einem Porsche mit 300 Sachen auf der Autobahn zu fahren. Er ist begeistert von Europa, von den Wolkenkratzern und dem Lebensstil. Er weiß gar nicht, wie schön gemütlich und sicher es in seiner Heimat ist. Vor allem denkt er, dass man in Europa so leicht Geld verdienen kann. Für ihn bin ich ein Vorbild, er glaubt, dass ich alles machen kann, was ich will. Dass ich mich nicht unbedingt an alle Traditionen halte oder nicht alle Verhaltensregeln befolge, findet er, sei ein Privileg, weil ich ein Auslandsinder bin. Ich habe ihm natürlich nicht verraten, dass ich manchmal aus Bequemlichkeit so tue, als ob ich es nicht weiß oder die Regeln vergessen habe. Denn manche der Traditionen sind veraltet. Es ist nicht mehr zeitgemäß aufzustehen, wenn ältere Personen den Raum betreten oder dass man, wenn man auf einem Stuhl sitzt, die Beine nicht übereinander schlagen darf oder wenn man die ‚Weschti‘ anhat, man diese nicht hochstecken darf usw. Weschti ist ein vier Quadratmeter großes Stück Stoff, das man um die Taille trägt. Es ist umständlich, es so umzubinden, dass es nicht rutscht. Tragen die Männer deswegen die Hosen, obwohl die Weschti bequemer ist für das Wetter hier? Das Haus, das ich früher bewohnte, liegt 80 Meilen entfernt von hier. In Indien haben auch Häuser einen Namen. Dieses Haus wurde Subra-Illam genannt. Dort wohnen meine Verwandten und dort hat unser Stamm seit Generationen seine Wurzeln. Das Haus wurde auch von Verwandten zu Festlichkeiten benutzt, denn es gehörte ja dem German Uncle. Aber wenn sie wieder gingen, haben sie es nicht ordentlich hinterlassen. Vielleicht bin ich zu pingelig oder viel zu Deutsch geworden? >>Das Haus ‚Subra-Illam‘ liegt weit entfernt vom Flughafen, deswegen ziehe ich um<<, gab ich als Grund meines Wegziehens an. >>Ihr dürft gerne zum neuen Haus kommen<< sagte ich. Aber sie kamen selten und nur, wenn ich oder meine Familie da war.

Wenn ich in Indien bin, mindestens einmal im Jahr, besuche ich meine Verwandten nach und nach, verteile kleine Geschenke und halte sie auf dem Laufenden.

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